Meine Pilgerreise

Meine Pilgerreise im Schwarzwald

„Selig der Mensch, der…nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn…
Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist.“
(Psalm 1)

 

1. Der Aufbruch: Pilgern als innere Haltung

Wir dürfen viele Entscheidungen treffen und unserem Leben so Gestalt und Richtung geben. Eine der wichtigsten Entscheidungen ist für mich, ob ich ein Kritiker und Spötter oder ein Liebhaber des Lebens bin, der Freude hat an der Schöpfung und der Weisung Gottes. Das ist eine Grundsatzentscheidung, so wie es der erste Psalm sehr kontrastreich beschreibt, die große Auswirkungen auf mein Leben hat. Wenn ich in Liebe aufblühen möchte, Gott und den Menschen zur Freude, dann bereitet die Dankbarkeit dafür den Boden. Jeden Morgen ein kleines „Danke“ für den neuen Tag, jeden Abend im Gebet der liebenden Aufmerksamkeit ein „Danke“ für die Erfahrungen, Herausforderungen und Begegnungen. Die Dankbarkeit erlöst den inneren Kritiker und Spötter. Mit diesen Gedanken startete ich im Sommer 2020 meine Pilgerreise in Gernsbach im Murgtal. Der Weg führte mich danach über Gengenbach im Kinzigtal, das auch liebevoll „Santiago des Schwarzwalds“ genannt wird, nach St. Peter bei Freiburg. Endstation war Konstanz am Bodensee.
Jeden Tag pilgern in der Schöpfung Gottes, jeden Tag aufbrechen und wieder heimkehren, jeden Tag schwitzen, den Weg verlieren, Umwege gehen, aber dann doch das Ziel erreichen und wunderbare Weitblicke erleben und stille Waldeinsamkeit. Das alles hat mich berührt und verändert als Mensch, der sonst eingespannt ist in sein Tagesprogramm und in den Lärm der geschäftigen Welt.
Ich war unterwegs zu den Quellen des Lebens, im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen Sinn. Woraus schöpfe und lebe ich? Dabei ist mir die innere Haltung des Pilgerns sehr nahe gekommen. Mein Leben hier auf der Erde ist mir geschenkt für eine bestimmte Zeit. Die innere Haltung des Pilgerns berührt und befreit unser menschliches Bedürfnis, bleiben und festhalten zu wollen. Sie hilft uns auf dem Weg zum „ledigen Gemüt“, von dem Meister Eckhart spricht und zur „Gleichmütigkeit“ des heiligen Ignatius. In dieser inneren Haltung können wir Gott und den Menschen aufmerksam und liebevoll begegnen, da, wo wir gerade sind.
Auf meinem Weg zum Merkur, dem Hausberg Baden-Badens, hatte ich eine ganz persönliche Gottesbegegnung mit dem „brennenden Dornbusch“. Ich sah eine alte Wurzel, wie sie oft für Adventsgestecke in der Kirche verwendet wird, im Sonnenlicht erstrahlen. Sie sah aus, als würde sie von innen her leuchten, vom Licht durchtränkt brennen. Vielleicht, so dachte ich, wären auch wir Licht der Welt, wenn wir uns einfach von Gott durchwirken lassen wie der Teig vom Sauerteig, wenn wir spüren, dass im aufmerksamen Dasein die Gotteskraft lebendig ist. Nicht zufällig lautet der Name Gottes, mit dem er sich Mose am brennenden Dornbusch zu erkennen gibt: Ich bin da.
Das Wandeln in der Gegenwart Gottes war meine innere Ausrichtung auf dem Pilgerweg. Unterwegs sein und sich verändern lassen, das bedeutet doch Wandeln. Und die Wandlung ist die Mitte unseres Glaubens.
 

2. Der Pilgerstab – Gottes spürbare Begleitung 

„Diesen Stab nimm in deine Hand. Mit ihm wirst du die Zeichen vollbringen.“

(Exodus 4,17) 

Für die Pilgerreise habe ich mir bewusst einen Wanderstab aus Holz aus dem Wald geholt. Er war mir auf vielen Wegen treuer Begleiter, Stütze und Halt, so, wie es der 23. Psalm beschreibt: Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.
Der Pilgerstab war mir nicht nur Stütze bei steilen Aufstiegen oder Abstiegen, sondern auch Zeichen der Gotteskraft in meiner Hand, ein Stück Sicherheit für das, was auf mich zukommen könnte. Wir Menschen wählen verschiedene Symbole oder Zeichen, um uns der Nähe Gottes auf unserem Weg bewusst zu sein. Mir scheint der Stab, mit dem auch Mose ausgestattet wurde, um das Volk Gottes in die Freiheit zu führen, und mit dem der Bischof bis heute den Segen erteilt, ein besonderes Zeichen zu sein: Er zeigt uns Gott als ein Gegenüber, als jemand, der an unserer Seite geht, der unser Leben stützt, stärkt und begleitet. Es ist bildlich gesprochen fast so, als würden wir mit Gott Hand in Hand gehen.
Den Stab des Aaron lässt Gott wachsen, blühen und Mandeln tragen als Zeichen der Erwählung. (Numeri 17,23) So ist für mich der Pilgerstab auch ein Zeichen der Lebenskraft Gottes, die immer wieder neu Leben erschaffen kann. Er ist ein Segenszweig, wie die Palmstöcke, der über Leid und Tod hinaus das Lied des Lebens singt.
Ich habe erlebt, dass es Kranken und Sterbenden Kraft und Zuversicht gegeben hat, ein kleines geschwungenes Kreuz aus Olivenholz in der Hand zu halten, ein Stück vom Baum des Lebens, um so Hand in Hand mit Gott, das oft finstere Tal der Krankheit oder die Pforte des Todes zu durchschreiten.
Der Pilgerstab aus Holz ist nicht nur Zeichen des Lebens, das Gott immer wieder neu ins Dasein rufen kann, sondern auch Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung. Er ist Teil eines Baumes oder Strauches, Teil der Schöpfung Gottes. Papst Franziskus mahnt uns in seinem Gebet für die Erde, „zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind mit allen Geschöpfen“. Der Pilgerstab wurde mir im Laufe des Weges zu einem Zeichen, dass nach meiner Antwort fragt auf die Fürsorge und Begleitung Gottes. Bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen für „unser gemeinsames Haus“, wie der Papst unsere Erde nennt? Der franziskanische Geist hat mich auf der Pilgerreise neu berührt: sich fortbewegen im Tempo der Erde, Schritt für Schritt mit den eigenen Füßen, Hand in Hand mit Gott und seinen Geschöpfen, die Franziskus liebevoll unsere Schwestern und Brüder nennt.
Der Stab steht auch für eine Familiengemeinschaft, einen Stamm, wie es im Buch Numeri für die zwölf Stämme Israels beschrieben wird. So war mir der Pilgerstab ein treuer Begleiter in der Verbundenheit mit Gott, mit meinen Vorfahren, mit dem wandernden Volk Gottes und der ganzen großen Schöpfungsfamilie, von der ich ein Teil sein darf. Verbundenheit ist eine große Medizin, die mich auch dafür geöffnet hat, unterwegs Licht und Schatten meines Lebens in den Blick zu nehmen und Gott zur Heilung anzuvertrauen.
 

3. Die Begegnung mit Schmerz und Dunkelheit:
Das Ungeliebte segnen.

„Als er nur noch allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk…Der Mann sagte: Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ (Genesis 32, 25)

Auf der Pilgerreise begegnen uns auch die Schattenseiten unseres Lebens. Auf der Ebene des Körpers zeigt sich oft irgendein Schmerz. Bei mir waren es die entzündeten und verdickten Achillessehnen, die die mehrstündige tägliche Belastung nicht gewohnt waren. Wie gehe ich mit Schmerz und Dunkelheit um? Am liebsten möchte ich sie wieder loswerden. Wir nehmen wir gerne Schmerzmittel, die kurzfristig Erleichterung verschaffen, aber die Ursache des Schmerzes nicht anschauen. Meine Erfahrung auf der Pilgerreise war, dass es sich lohnt, sich dem liebevoll zuzuwenden, was uns ängstigt oder schmerzt. In diesem Fall waren es meine Füße. Unsere Füße führen ein Schattendasein. Sie sind die Kellerkinder unseres Körpers, die wir einen großen Teil unseres Lebens verstecken und einsperren. Kaum einer zeigt gern seine Füße und lässt sich an ihnen berühren. So werden sie in ihrem ungeliebten Schattendasein oft hässlich, schrundig, schweißig und bekommen Fuß- und Nagelpilz. Also beschloss ich, mich auf diesem Pilgerweg meinen Füßen und meinem Schmerz zuzuwenden. Täglich salbte ich meine Füße und meine Achillessehnen morgens mit einer wohlriechenden Kräutersalbe. Ich dankte meinen Füßen, dass sie mich durchs Leben tragen, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Es kostet nicht viel, meine Füße einmal am Tag liebevoll anzuschauen und sie etwas zu massieren. Fünf bis zehn Minuten reichen. Das ist nicht einmal die Länge der Nachrichten im Fernsehen. Jesus hat die Sünderin dafür gelobt, dass sie ihm die Füße geküsst und gesalbt hat. Weil sie so viel geliebt hat, ist ihr viel vergeben. Schauen wir also auf das, was wir ablehnen: an unserem eigenen Körper, in unserem Leben, in unserem Beruf, in unserer Kirche, in unserer Welt und wenden wir uns genau dem liebevoll zu. Es ist egal, wo wir anfangen: Es können die Füße sein oder die dunklen Ecken unserer Wohnung, unserer Seele oder unserer Welt. Beim täglichen Salben und Segnen meiner Füße kam mir die Fußwaschung in den Sinn. Ich habe viel über den Satz Jesu an seine Jünger: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ nachgedacht. Da ist auf der einen Seite die Deutung, dass jeder Meister und jeder Amtsträger ein Diener des Lebens sein soll, der bereit ist, den Menschen, die ihm anvertraut sind, Liebesdienste zu erweisen, ja sogar Sklavendienste, die keiner gerne übernimmt. Das beginnt beim Abdecken des Tisches, beim Putzen der Wohnung und dem Herausbringen des Mülls und geht weiter in den vielen Begegnungen des Herzens.
Aber es bedeutet für mich auch: Wende dich dem zu, was du nicht gerne anschaust, was dich schmerzt, was du nicht lieben kannst, und lasse es nicht los, bis es gesegnet ist. Vielleicht beginnt die Feindesliebe Jesu ja bei den kleinen ungeliebten Dingen und Menschen unseres Alltags und führt uns dann, wenn wir die kleinen Liebesdienste füreinander tun, in die große Versöhnung Gottes.

 

4. Die Jakobsmuschel- Heimkehr mit offenem Herzen

„Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst,
von nun an bis in Ewigkeit.“
(Psalm 121,8)

 

Am Ende des Pilgerweges, nach einer Zeit der Einkehr ist es gut, an die Heimkehr zu denken. Was erwartet mich zu Hause? Was möchte ich mitnehmen in meinen Alltag? Wofür möchte ich danken?
Ich freue mich auf meine Heimkehr. „Wohin gehen wir? Immer nach Hause.“, sagt Novalis. In vielen Exerzitien war für mich der Gedanke hilfreich, dass Gott uns zu Hause erwartet und willkommen heißt: „Er geht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn finden.“, sagt der Engel den Jüngern am leeren Grab, um sie zu trösten und zu einer hoffnungsvollen Heimkehr zu bewegen. Es fällt uns oft schwer, von einer schönen Zeit und schönen Orten Abschied zu nehmen. Doch wir verlieren das Wesentliche nicht, wenn eine Urlaubs- oder Einkehrzeit zu Ende geht. Die Liebe geht immer mit uns. Sie erwartet uns zu Hause. Die Jakobsmuschel, die viele Pilger um den Hals tragen und die uns als Pilgerzeichen unterwegs immer wieder den Weg weist, ist ein Symbol für die begleitende Liebe Gottes. Die Muschel ist wie eine Schale, aus der ich trinken kann. Sie ist wie eine offene Hand, die sich füllen lässt. Sie steht in Verbindung mit dem weiten Meer, unserer Heimat, unserer Herkunft. Alles Leben kommt aus dem Wasser. Das haben wir neun Monate im Leib unserer Mutter erfahren. Die Muschel, die offene Hand, das offene Herz führen uns zurück zur Quelle des Lebens. Ich bin an vielen Quellen im Schwarzwald gewesen und habe aus ihnen geschöpft. Und wenn ich Quellwasser getrunken habe, war das oft nicht nur eine Erfrischung nach langen Wegen, sondern eine Erfahrung der Verbindung mit dem, was mich trägt und nährt im Leben. Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit auch durch die Elemente des Lebens: das Wasser, den Lebensatem, die Erde, die uns trägt, und die Sonne als Licht der Welt. Die Schöpfungsfrömmigkeit könnte uns helfen, achtsam mit der Erde umzugehen, die Gott uns anvertraut hat, mit Respekt und Ehrfurcht vor allen Geschöpfen.
Das offene Herz ist der Zugang zu allem, was lebt, der Zugang zur Quelle der Liebe. Dieses offene Herz möchte ich mit nach Hause nehmen mit großer Schöpfungsliebe und Schöpfungsfreude.
Ich möchte meiner Frau Andrea danke sagen, für ihre Begleitung auf dem Pilgerweg und für die 32 Ehejahre, in denen wir gesegnet durchs Leben gehen durften und drei wunderbaren Kindern das Leben schenken konnten.
Ich möchte dem Erzbistum Köln danke sagen für die geschenkte Zeit der Recreatio und die 25 Jahre, die ich als Diakon im Weinberg Gottes mitarbeiten durfte.

Ich danke Pfr. Volker Weyres für die Vor- und Nachbereitungsgespräche unserer Pilgerreise und für das Weihejubiläum, das er mit uns gefeiert hat.
Ich danke meinen Eltern für das Leben, das sie mir geschenkt haben und für die Liebe zur Sprache und zur Musik, die sie mir in die Wiege gelegt haben.
Ich danke Gott für das Lied der Schöpfung, das er täglich singt, und für seinen guten Geist, der in uns atmet und uns leitet in allem, was geschieht.

Konstanz, 20. Juli 2020

Christian Engels